Wenn der harte Boden schwankt

Der Autor Russell James liest heute Abend in der Krimibuchhandlung Under-Cover

(Von Thomas Klingmaier)

Russell James geht mit einer Andeutung jenes rollenden Gangs, der sonst Seeleute an Land verrät. Er scheint auch beim plaudernden Spazieren in der Königstrasse Schwankungen des Bodens zu erwarten. Aber Russell James ist kein Seemann, sondern ein Autor von Kriminalromanen, in den Worten seines Kollegen lan Rankin gar "der Pate des britischen Noir", des schwarzen Krimis. Seine Romane handeln von der Unterwelt Londons, von Killern und Räubern, von Exboxern und Exgangstern, von dem armen Stadtteil Deptford, in dern Kriminalität keine Ausnahmeerscheinung ist, sondern vielmehr tief ins gesellschaftliche Gewebe verflochten.

Meist sind die Figuren von Russell James auch in der Unterwelt nicht mehr verwurzelt, nicht mehr eins mit den Werten und Denkweisen der ehemaligen Kumpel, sind auf der Flucht, planen den Ausstieg, wehren sich gegen das Wiederhineingezogenwerden und können doch nur überleben, wenn sie das alte Denken, die abgelegten Instinkte, die erlahmten Reflexe wieder einsetzen. Mit den kosigen, gemütlichen Durchschnittskrimis hat das wenig zu tun, und darum sind von den sechs Romanen, die Russell James seit 1989 veröffentlicht hat, erst zwei auf Deutsch erschienen, sein Debüt "Underground" und "Payback" von 1993. Aus Letzterem liest der Autor heute Abend um 20.30 Uhr in der Buchbandlung Under-Cover in der Nesenbachstrasse 50 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Deutsch-Amerikanischen Zentrum.

Er wolle nicht vorgeben, ein "tough guy" zu sein, ein Teil des Milieus, über das er schreibt, sagt James, der erst vor kurzem seine Tätigkeit als Unternehmensberater aufgegeben hat, urn nur noch als Schriftsteller zu arbeiten. Aber Entwurzelung hat er früh kennen gelernt. Sein Vater war Berufssoldat, die Familie zog von Stationierung zu Stationierung umher, in immer neuen Nachbarschaften und an immer neuen Schulen fand er als Kind keine Freunde. Aus der starren Lebensplanung des Vaters, die auch für ihn die Militärlaufbahn vorsah, ist er ausgebrochen und bis knapp dreissig durch eine Vielzahl von Jobs nomadisiert.

"Ich habe eine Menge Sachen gemacht, manche gut, manche schlecht, ich war jung": das klingt eher bescheiden als protzig. So spricht einer, der begriffen hat, dass es nicht nur eigenes Verdienst, sondern auch Glück war, dass er nicht abgeschmiert ist. "Die anderen, wenn man sie so einfach die nennen darf, die nicht das Leben der Mittelklasse führen, sind uns trotzdem sehr ähnlich, und davon will ich erzählen. Nicht von kriminellen Abenteuern, sondern van menschlichen Konflikten."

James schreibt dabei auch so eine Art proletarischer Literatur der Achtziger und Neunziger, spiegelt die Veränderungen des Lebens kleiner Leute in der Konservativen Ära in der Welt der Kriminellen, zeigt die Gier und KäIte der Gangster als Spielart der allgemeinen Gier und Kälte. Das verführt James aber nicht zu der Behauptung, er schriebe in Fiktion verkleidete Reportagen aus dem Unterbauch der Stadt.

Nein, beharrt er, seine Gestalten seien Symbole, und Noir-Krimis seien die Nachfolger der alten Moraldramen und Mysterienspiele. Das macht stutzig: Aus denen durfte der Zuschauer schliesslich die fassbare Lehre mit nach Hause nehmen, Gott und die Obrigkeit zu fürchten und die Regein nicht zu brechen. Was aber lernt man aus dem moralischen Zwielicht der Welt von Deptford? "Nichts, was Sie in Ihrem Leben umsetze kdnnen. Aber doch das, dass es auch i diesem anderen Leben moralische Frageste lungen gibt."

Der Reiz von Russell James' Kriminalromanen liegt darin, dass die Figuren in einer brutal nüchternen Welt verzweifeit nach einer pragmatischen Antwort auf reale Bedrohungen suchen. Aber dass sie mit Pragrmatischem allein lingst nicht mehr zufrieden sind, dass sich der Zweifel bei ihnen eingenistet hat. Die harte Hinterhofwelt von Asphalt, Backsteinmauern und Metaligittern scheint solide wie ein Gefängnis und bietet doch keinen festen Grund, auf dem sich stehen liese. Könnten wir die Figuren von Russell James sehen, sie hätten gewiss jenen leicht rollenden Gang, der jederzeit auf ein Kippen des Bodens vorbereitet ist.


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